Radio x Blog – jeden zweiten Montag im Freien Radio Kassel von 19-20 Uhr auf Sendung!

Specials

Bamedikt Durdon – Rogue [Review]


Neue und alte Alben rezensieren. Das haben wir irgendwie schon ziemlich lange vorgehabt, aber – wer öfter mal einen Blick in unseren Blog geworfen hat ahnt, was nun kommt – passiert ist da bisher nichts. Bisher! Denn dankenswerterweise hat uns der Kasseler Rapper Bamedikt Durdon, den wir auch schon mal bei uns in der Radiosendung zu Gast hatten, sein neues Download-Album zeitig zugespielt, sodass wir pünktlich zur morgigen Veröffentlichung seine und unsere würdige erste Review hierzu veröffentlichen können.

Die lokalen Größen im Deutschrap haben häufig ein Problem, Achtung, ekelhaftes Wort folgt: personality. Man hört in die Lieder rein, die dann auch keinesfalls schlecht sind, gut rappen kann man heutzutage ja sowieso. Aber hängen bleiben tut dann nichts, außer vielleicht der Rapper selbst bei seinen 200 Klicks auf Youtube. Bei Bamedikt ist das irgendwie anders. Vielleicht liegt es an dem *Bravo-Redakteur-Voice* für Rap untypischen Erscheinungsbild oder auch schlicht daran, dass bei einem Großteil der Lieder bereits nach wenigen Takten und Wörtern deutlich wird, dass hier jemand stark nach vorne gehen will. Hat man hierzu auch noch sein vorheriges Album Renegade ausgecheckt hat man schnell eine Vermutung entwickelt, in welche Richtung die musikalische Reise wahrscheinlich gehen wird. Auch der neue Name seiner Posse Brokaholiks ist da schon sehr vielsagend: Musik von Leuten, die tendenziell eher pleite sind und ganz gerne mal einen trinken. Hiphop eben, so wie man ihn liebt. Wie man es aus dem ein oder anderen zigarettengeschwängerten Kneipenunterhaltung kennt sind hiermit auch die zu erwartenden Themenfelder abgesteckt: Frust über die ärgerliche Lebenssituation, der sich, dank den passenden Grundnahrungsmitteln, schnell mal in eine ausufernde Pöbelei verwandelt, in denen es dank Hochprozentigem an gestärkten Egos nicht mangelt. Das kennt man doch irgendwo her – achja, richtig: Hiphop!

 

Nicht ohne Vorfreude wirft man also Bamedikts neuste Veröffentlichung Rogue an und damit schallt auch bereits der Opener OH No! aus den Kopfhörern. Die Zeile Das Großmaul ist back! bestätigt auch gleich die anfänglichen Vermutungen, die mit gepflegtem Punchline-Rap zusätzlich untermauert wird. Selbstironisch wird standesgemäß auf die Labelmates geschossen, auf einem Beat, der im Vergleich zum vorherigen Release nochmal ordentlich an Druck gewonnen hat.

Die zweite Anspielstation Nachsitzen wird im Gegensatz zum ersten Stück ein wenig alltäglicher. Behandelt wird hier das Verhältnis von den alltäglichen Notwendigkeiten und dem oben ja schon zaghaft angesprochenen Alkoholkonsum. So richtig passt das eben nicht zusammen, die pädagogische Folge liegt auf der Hand – Nachsitzen.

Da Nachsitzen an sich ja seit jeher die Zeit der Besinnung sein soll und man sich in Phasen der Langeweile recht schnell auf das Wichtigste im Leben konzentriert geht es im folgenden Song – vielleicht nicht ganz vorhersehbar – um die Liebe. Magnetisch ft. Para ist ein klassischer Liebestrack mit Frauenstimme in der Hook. Die Metapher des Magnetisch-Seins passt zwar nicht so ganz zur Zeile Ein Unterschied besteht nicht, weil ja wie der Volksmund weiß gerade die Gegensätze sich anziehen. Die gewohnt druckvollen Raps lassen einen aber hierüber gerne hinwegsehen. Außerdem: Wer sind wir denn schon, um hier die Physiker raushängen zu lassen. Also noch kurz die Hornbrille zurecht gerückt und weiter zum nächsten Song.

Rockstar 101 beginnt erstmal mit einem Film-Sample. Großartig, denn das gibt’s trotz Downloads an jeder Ecke immer noch zu selten. Einem Rockstar gemäß wird weiter auf alles ein Mittelfinger gegeben, das Label zur Vertragsunterzeichnung bemitleidet, die obligatorische DJ-Criss-Fade-Beleidigung darf hier natürlich nicht fehlen. Etwas gnädiger wird mit Shirokko umgegangen, der als Featuregast auf dem Track vertreten ist und thematisch in die gleiche Kerbe/Leber schlägt. Stimmlich und technisch stehen sich die beiden hier in nichts nach, woran Features im Allgemeinen ja ganz gerne mal scheitern können.

Über gutes Zusammenpassen geht es anfänglich dann auch in Wir regeln das, wenn auch auf eher körperliche Ebene. Nach einem schnellen Themenwechsel zu Konzertauftritten und Abhängen mit Jungs geht der Song in einen smooven Refrain über, in welchem die alteneue Labelheimat verherrlicht wird. In der zweiten Strophe geht der Einblick in den täglichen Struggle im Musik-Business weiter. Zusammengefasst wird das Ganze nochmal in einem Film-Sample, in welchem über das richtige Leben philosophiert wird.

Weiter geht Rogue dann mit Richtung Sonne, auf welchem Featuregast Shane54 direkt mit dem ersten Part ins Haus fällt. Zu hören ist eine angenehme Reibeisenstimme, die flowt, wie es sein sollte. Vertont wurde auch gleich nochmal die Kneipen-Pöbelei aus der Einleitung. Wenn ich meine Aufmerksamkeit weg von meiner Glaskugel wieder auf den Track, lenke höre ich die zweite gesungene Hook des Albums, die einen typischen In-Der-Kneipe-Auf-Die-Idee-Gekommen-Roadtrip beschreibt. Definitiv der eingängigste Refrain auf der Platte – so muss es klingen. Kneipenveteran und Großmeister Bamedikt legt thematisch nach, bis er vor der Staatsmacht flüchten muss.

Weiter im Text bzw. Album geht mit Track Nummer 7, der den vielsagenden Viva la Bam trägt. Gewohnte Selbstverherrlichung, insgesamt ein sehr reimfixierter Battlesong mit erneuten Einblicken in die whiskeygeschwängerten Studiosessions.

Weil Musiker in der Regel, seien wir hier mal ehrlich, Musik nicht nur für sich sondern auch für die Veröffentlichung machen wird natürlich gerne mal die Frage nach der Vorbildfunktion aufgeworfen. Wenn man dann noch eine ehrlichkeitsliebende Musik wie Rap bespielt darf die obligatorische gereimte Rechtfertigung zu eben diesen zu erwartenden Vorwürfen natürlich nicht fehlen, namentlich hier Vorbildlich. Da bleibt nur die zwei Möglichkeiten: Man passt sich an oder zieht weiterhin stur durch. Und weil Bamedikt das mit Wahrheitsliebe natürlich auch weiß hört man öfter mal das Wort Schnaps, was aber durch zwei Zeilen Juristen-Knowledge mal eben wieder gut gemacht wurde.

Auf Track Nummer 9 Jede Nacht sind neben Bamedikt noch die 187-/Brokaholiks-Kumpanen Kommakla und Skoop vertreten. Im Song zu hören ist eine klassische Beschreibung der durchgemachten Nächte mit den Kollegen. Gerade solche verbinden natürlich, sodass man auch passenderweise einen glaubwürdigen Zusammenhalt zwischen den Zeilen zu spüren bekommt. Insgesamt ein stimmungsvolles Stück, das auch von der Beatauswahl dem Thema gerecht wird.

Das wirklich Schreckliche an durchgemachten Nächten ist ja immer das, was danach kommt. Das Leben ist irgendwie plötzlich um ein Vielfaches anstrengender und man wird doch auch etwas sentimental. Wie der Titel des Songs Scout-Sniper-Modus vielleicht nicht unbedingt verrät hat jedoch gerade dieses Lied eine gewisse Grundanspannung. Thematisch wird hier erneut die Anstrengung des Untergrund-Musizierens thematisiert, wenn auch etwas ernsthafter als in den bisherigen Tracks. Das sorgt für angenehme Abwechselung und geht gut ins Ohr. DJ Criss-Fade an den Plattentellern rundet die ganze Geschichte noch mit gewohnt eingängigen Scratches ab.

Als vorletztes Lied auf Rogue ist dann das bereits bekannte Sportsfreund mit Myeloe im Feature zu hören. Hier wird mittels Sportmetaphern gekonnt um die Wette geflowt, was den Song wohl auch zum dynamischsten der Platte macht. Und ein Video gibt es ja auch dazu, in dem man sogar hier und da ein paar Affen sieht. Damit ist das Ding eh über jede Kritik erhaben.

Beendet wird die Platte schließlich mit dem so bezeichneten Ourto. Ein frischer Flow und eine etwas anders klingende (/abgemischte?) Stimme bilden einen würdigen Abschluss der Platte, die schlussendlich mit ein paar gepflegten Sätzen trash talk beendet werden. Ich fand es auch voll romantisch.

 

Was kann man nun insgesamt zur Platte sagen? Die Erwartungen wurden erfüllt, wer sich also von meiner liebevollen Einleitung angesprochen gefühlt hat oder bereits vom Vorgänger Renegade überzeugt war, kann bedenkenlos zugreifen. Menschen mit starker Abneigung zum Alkohol würde ich vielleicht eher abraten, aber reinhören kann man ja mal. Es ist ja schließlich Musik und kein Buch und da spielen noch andere Faktoren eine wichtige Rolle: Sowohl was die Raps als auch die Texte angeht hat die Platte jedenfalls keine Aussetzer. Peinliche Momente wie Zweckreime oder holprige Flows bleiben einem erspart – ein Danke dafür. Die inhaltlichen Hauptpunkte der ironischen Selbstzerstörung bei gleichzeitiger Selbstverherrlichung sind definitiv eine große Stärke des Albums und ermöglichen ein kurzweiliges Zuhören. Auch die Features passen allesamt gut ins Konzept, obwohl sicherlich gerade die beiden Frauen-Refrains meiner Meinung nach ruhig etwas mehr Druck hätten vertragen können. Insgesamt lässt sich Rogue also sehr gut durchhören, was aber sicherlich zum Teil auch auf die relativ kurze Spieldauer von einer guten halben Stunde zurückzuführen ist.
Trotzdem beinhaltet die Platte zwölf vollwertige Songs, die sowohl im Albumkontext Sinn machen als auch für sich stehen können. Sowohl geneigten Hörer*Innen von Bamedikt Durdon als auch denen, die hiermit neugierig auf die Scheibe geworden sind, sei der Download also unbedingt empfohlen.

Und überhaupt: Für gratis darf man ja eh nicht meckern. Insofern am Freitag, den 23.11. nochmal hier oder auf der Brokaholiks-Seite vorbeischauen und den Downloadlink abgreifen. Prost!

Weitere Links:
Das Video zu Sportsfreund ft. Myeloe
Die Facebook-Seite von Bamedikt Durdon

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>